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Kritisches zur Zuklebetherapie bei Sehschwäche (Sehschultherapie) oder

Gehen Ihr Kind und Sie gerne zur Sehschulbehandlung?

Man nennt es Ambylopie (umgangssprachlich auch nicht ganz korrekt als "Sehschwäche" bezeichnet), wenn ein Auge eine geringere Sehschärfe hat, als das andere; oder wenn beide Augen weniger als 80% sehen. 

Sehschwäche nur eines Auges ist meist verursacht durch Schielen. Dieses kann manchmal so gering sein, dass es bislang nicht bemerkt oder als Silberblick fälschlich verniedlicht wurde.

Einäugige Sehschwäche kann auch von Fehlsichtigkeit verursacht werden, wie Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit, Astigmatismus.

Sind beide Augen sehschwach, so ist das selten Folge eines Schielfehlers, sondern hier liegen meist Fehlsichtigkeiten beider Augen zugrunde. Beidäugige Sehschwäche findet sich auch beim seltenen angeborenen Augenzittern (Nystagmus) und noch seltener bei organischen Schäden.

Zuklebetherapie wird überwiegend bei einäugiger Sehschwäche durchgeführt. Das besser sehende Auge wird zeitweise zugeklebt, um das andere zu zwingen, besser sehen zu lernen. Diese Therapie ist jedoch nur dann wirksam, wenn eine Verbesserung überhaupt noch möglich ist, d.h. in der Lernphase des Sehens (sog. sensitive Periode)durchgeführt wird. Diese dauert von der Geburt bis zum Abschluss des zweiten Lebensjahres. Danach ist nur noch sehr geringes Zulernen möglich. Dennoch wird von Sehschulen (zumindest im deutschsprachigen Raum) immer wieder behauptet, dass eine Zuklebetherapie bis zum 12. Lebensjahr notwendig sei. 

Die Zuklebetherapie wird auch Abklebetherapie, Pflastertherapie, Amblyopietherapie oder Okklusionstherapie genannt (Occlusio=Verschluss).

Leider werden Sinn und Ziel der Zuklebetherapie den betroffenen Eltern oft nicht verständlich und ausreichend nachvollziehbar erläutert. So glauben fälschlich über 90% der betroffenen Eltern, dass eine Zuklebetherapie die einzig mögliche ist und dass sie auch direkt dem Beheben des Schielens dient.

Tatsächlich gibt es bis heute für den notwendigen Einsatz dieser Therapie überhaupt keinen wissenschaftlichen Beweis. Sie beruht hauptsächlich auf eher subjektiv gefärbter "empirischer" Erfahrung. Entsprechend unterschiedlich bis konträr sind daher die Zuklebetherapien verschiedener Sehschulen bei gleichen Sehschwächen. 

Horror-Beispiele: 

  • siebenjähriges Kind und wohl privat versichert: " Kleben Sie täglich und abwechselnd für eine Stunde das rechte und linke Auge zu. Wir kontrollieren alle 3 Monate in der Sehschule!" - möglichst bis zur Pubertät...
  • Ein Augenarzt ohne Sehschule: "Das wächst sich von alleine aus."
  • einjähriges Kind: "Operieren können wir das Schielen auch noch mit 14 Jahren. Bis dahin kleben wir lieber zu. Meist geht das Schielen damit auch so weg!" 

Vermehrt fragen zu Recht besorgte Eltern wegen der oft enormen Schwierigkeiten, die es ihnen bereitet, ihrem Kind das bessere Auge zu verkleben, ob langjähriges Zukleben wirklich notwendig ist und es nicht andere Möglichkeiten gibt. Es verwundert (nicht), wenn Orthoptistinnen (so heißen die Angestellten in den Sehschulen von Augenärzten) auf Fragen nach anderen Therapiemöglichkeiten teilweise heftig emotional und strikt ablehnend reagieren.

Dabei gibt es für Kinder nach dem 3. Lebensjahr die sog. Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase (MKH), deren Einsatz sich inzwischen als Alternative zur langjährigen Zuklebetherapie sehr erfolgreich etabliert hat. Die MKH hat erhebliche Vorteile, wenn nicht nur isoliert die Sehschwäche verbessert, sondern auch gleichzeitig das verursachende Schielen korrigiert werden soll. Zwingend notwendig wird die Anwendung der MKH, wenn durch die Zuklebetherapie grob- oder feinmotorische Entwicklungsverzögerungen verursacht werden.

Orthoptistinnen lernen die MKH während ihrer Ausbildung nicht, denn die Kenntnisse dazu entstammen vorwiegend der Augenoptik und nicht der Augenheilkunde. Aus ähnlichem Grund sind Orthoptistinnen auch nicht zuständig für die Brillenglasbestimmung bei Kindern und Erwachsenen. Dies ist alleinige Aufgabe von Augenoptikern oder Augenärzten, auch wenn dies teilweise unzulässig anders gehandhabt wird.

Wenn Sehschulen die MKH mit der Begründung ablehnen, dass der wissenschaftliche Nachweis fehlen würde, ist das unverständlich, denn derartigen Nachweis gibt es für die von ihnen durchgeführte Zuklebetherapie ebenfalls nicht. Diese Unlogik stört Sehschulen und die sie betreibenden Augenärzte meist wenig. Betroffene Eltern werden die wahren Hintergründe meist erst (zu) spät verstehen (Konkurrenzangst).

Nachstehend einige stichwortartig aufgeführte Hinweise:

  • Die Zuklebetherapie ist meistens überflüssig, wenn die Anfangssehschärfe unter 0,16 (=16%) liegt. Dennoch kann, wenn die alleinige Ursache der Sehschwäche ein Schielfehler ist, ein kurzer Versuch von 4 bis maximal 12 Wochen durchgeführt werden. Manchmal wird dadurch die Sehschärfe verbessert. Ist jedoch zusätzlich ein Sehfehler (z.B. Übersichtigkeit) diagnostiziert worden, sollen gleichzeitig Brillenkorrektion und Zuklebetherapie erfolgen. Es wäre in diesem Fall jedoch keine Beurteilung darüber möglich, was die Sehschwäche verbessert hat: Das Zukleben oder die richtige Brille? Da Sehschulen „mono"-therapeutisch vorgehen wollen und jedes andere Vorgehen (z. B. den gleichzeitigen Einsatz von sog. Prismenbrillen) als unwissenschaftlich abtun, müssten sie demnach zunächst den Erfolg einer Brillenkorrektion abwarten, bevor sie das Zukleben empfehlen. Das führt auf jeden Fall zu wertvoller Zeitverzögerung.
  • Über ein Drittel (!) der durchgeführten Zuklebetherapien wird unnötig durchgeführt, da anfangs falsche Sehschärfenmessungen durchgeführt worden waren und keine Sehschwäche vorlag. Wenn die Sehschärfe nach der Zuklebetherapie nur besser gemessen, aber vorher eigentlich schon gut war (aber falsch gemessen wurde), ist das kein Therapieerfolg, sondern eine falsche Diagnosestellung, ein nicht vorhandener Therapieerfolg und Arbeitsbeschaffungsmassnahme und immer Kindesmisshandlung.
  • Bei einer Anfangssehschärfe über 60% und mehr ist eine Zuklebetherapie nicht Erfolg versprechender als eine Brillenkorrektion nach MKH (aber quälender).
  • Zukleben, das nach vierwöchiger Durchführung vom Kind nicht toleriert wird, ist sehr kritisch zu hinterfragen und dann meist abzubrechen, bevor psychische Schäden verursacht werden. Alternative Methoden wird dann die Sehschule eher nicht anbieten, aber es gibt sie. Drohungen, Beschimpfungen und Angstmache als Druckmittel von Sehschulen, um das Zukleben dennoch durchzusetzen, lassen sich Eltern immer weniger gefallen.
  • Zukleben, das länger als ein halbes Jahr dauert, ist meist unsinnig: Entweder wird keine Verbesserung der Sehschwäche erreicht oder es wird nicht die eigentliche Ursache für die Sehschwäche (Schielfehler oder Sehfehler) mit behandelt.
  • Zukleben, das nach dem zweiten Lebensjahr durchgeführt oder bei dem täglich nur 1-2 Stunden zugeklebt wird, kann zwar die Sehschärfe verbessern, aber dies gelingt mindestens genau so erfolgreich durch eine genaue Brillenkorrektion von Sehfehler und Schielstellung (Prismenbrille). Und nur hierbei kann, sofern überhaupt noch möglich, auch gleichzeitig eine optimal mögliche Korrektion zur Verbesserung des beidäugigen Sehens erfolgen. Bei großen Schielfehlern sind für solche Prismenbrillenkorrektionen nach MKH oft vorbereitende Augenmuskeloperationen notwendig, die jedoch möglichst früh (möglichst noch in der sensitiven Periode, also vor dem zweiten Lebensjahr) und nicht erst im 5. bis 6. Lebensjahr durchgeführt werden sollten.
  • Schielfehler, die bereits von Geburt an bestehen oder vor Abschluss des zweiten Lebensjahres auftreten (also im Prägungszeitraum für das Sehen-Lernen), sind frühzeitig operativ zu beheben und anschließend langfristig mit Prismenbrillen zu korrigieren. Zuklebephasen sind hierbei nur anfänglich und für kurze Zeiträume erforderlich.
  • Zukleben bei bestehendem Augenzittern (Nystagmus), das sich durch Zukleben verstärkt (häufig), ist unsinnig. Hierbei wird ein gegenteiliger Effekt erreicht. Die Sehschärfe wird durch das Zukleben nicht verbessert, sondern durch Zunahme des Nystagmus erheblich vermindert. Um hierbei letzte Sicherheit zu bekommen, sollte die Sehschärfe des sehschwachen Auges ohne und mit zugeklebtem anderen Auge verglichen werden. Ist letzte schlechter, erfolgt keine Zuklebetherapie.
  • Zuklebetherapie bei Nichtschielern ist nicht wirksamer, als die richtige Korrektion des bestehenden Sehfehlers. Deshalb ist die alleinige Brillenkorrektion sinnvoller, da sie gleichzeitig auch beidäugiges Sehen verbessern kann. Durch Zukleben wird beidäugiges Sehen immer massiv verhindert.
  • Zuklebetherapie, bei der in den Pausen Doppelbilder auftreten, ist gefährlich und sofort zu beenden. Gleichzeitig ist eine Therapie (Prismenbrillen und/oder Augenmuskeloperationen) des Schielwinkels zu beginnen, damit die Doppelbilder nicht therapieresistent werden oder später auftreten können.
  • Zuklebetherapie sollte nur unter strikter augenärztlicher Überwachung und mit augenärztlicher Empfehlung durchgeführt werden. Selbst in Sehschulen sollte der Augenarzt hinzugezogen worden sein, bevor Orthostinnnen die Zuklebetherapie beginnen. Gute Augenoptiker führen derartige Therapien nicht durch, denn dies wird als medizinische Tätigkeit definiert.
  • Vor Beginn einer Zuklebetherapie muss den Eltern verständlich erklärt werden, worin der Sinn und das Ziel besteht. Und es muss über mögliche Komplikationen aufgeklärt werden. 
  • Kinder, die älter als 5 bis 7 Jahre sind, müssen und sollen nicht mehr getropft werden. Bei ihnen kann die viel genauere Messung des Sehfehlers als Brillenglasbestimmung vom Augenarzt durchgeführt werden, wie das auch bei Erwachsenen geschieht. Nur leider ist diese Art der Brillenglasbestimmung besonders bei Kindern viel zeitaufwändiger, deshalb wird lieber mit Augentropfen hantiert (und damit unnötig gequält).

Schlusswort

Moderne und humane Schieltherapie kommt mit sehr kurzen Zuklebezeiten von einigen Wochen bis wenigen Monaten aus (Dies wird zum Beispiel auch in den USA so gesehen). Es  gibt es für den Einsatz der Zuklebetherapie überhaupt keinen wissenschaftlichen Nachweis, sondern nur sehr unterschiedliche Erfahrungswerte. Eine Zuklebetherapie macht generell nur Sinn, wenn gleichzeitig auch versucht wird, die Ursache, also das Schielen zu beheben. Das geht meist nur durch operative Augenmuskelkorrekturen, deren Dosierung mit Prismenbrillen vorbereitet werden sollte. Und damit bietet sich zum Beispiel die MKH (mit deren Modifizierungen für Schielkinder) an. 

Zukleben, welches ungezielt nur die Sehschärfe bessern will und nicht die Ursache der Sehschärfenminderung, nämlich das Schielen, mit einbezieht, kann völlig verfehlt und unnötig über viele Jahre ausgedehnt werden, aber als Behandlung der Ursache ist das nicht zu bezeichnen. Man kann bei einseitigem Hörfehler auch ständig das bessere Ohr zukleben, damit das schlechtere gezwungen wird, besser sehen zu lernen… pardon zu hören… Auch hier wäre es sinnvoller, ein Hörgerät zu verwenden und auch mögliche operative Maßnahmen in Betracht zu ziehen?

Ein unzutreffender Vergleich? Wer so denkt, kann sich, bevor er dies seinem Kind zumutet, selbst einmal das bessere Auge für einige Tage zukleben und das andere entsprechend der Sehschwäche nebeln (Eine entsprechende Nebelfolie bekommt er sicher gerne von der Sehschule - bestimmt aber von einem sachkundigen Augenoptiker ausgeliehen). Und dann sollte er sich Gedanken machen, wie sich diese "Augenbestrafungsaktion" auf die kindliche Entwicklung von Grob- und Feinmotorik auswirken kann.

Es können hier nicht alle Aspekte im Rahmen einer Zuklebetherapie erörtert werden. Die etwas pointierte Darstellung soll zu kritisch konstruktiver Auseinandersetzung mit dem Augenarzt und den bei ihm angestellten Orthoptistinnen führen (sofern dies mit ihnen möglich ist). Beschimpfungen und Vorhaltungen  an die Eltern gerichtet sind nicht gerade selten von Sehschulangestellten zu vernehmen. 

Es sollte den betroffenen Eltern klar sein, was an positiven und negativen Folgen eine solch sehr intensive Therapie haben kann. Letztlich - und darüber wird vor Beginn einer Zuklebetherapie praktisch nie aufgeklärt - besteht eine der folgenschwersten Komplikationen darin, in späteren ständigen Doppelbildwahrnehmungen mit entsprechend massiven Einflüssen auf die weitere Lebensqualität davonzutragen.

Nachsatz für die vielen Schieloperationen, die erst zum Schulbeginn eines Kindes durchgeführt werden sollen, also viel zu spät.

Aus der augenärztlichen Historie vom allgemein anerkannten Augenarzt A. v. Graefe (geschrieben 1857) in heute unumschränkt gültiger Form:

"Der Grundsatz, die Schieloperation zu verschieben, bis die Intelligenz der Kinder entwickelt, der Schönheitssinn derselben erwacht usw., ein ein total irriger."

 

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