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Kommentar
zur augenärztlichen Kritik an Prismenkorrektionen von Winkelfehlsichtigkeit Der
Augenarzt Kommerell kritisiert in seinem Leserbrief die Prismenbrillenkorrektion
von Winkelfehlsichtigkeit. Dies folgert er aus seiner Interpretation von
angeblich wissenschaftlichen Arbeiten, zu denen der interessierte Leser hier
einige Hintergrundinformationen angeboten bekommt: Kommerell
fragt zunächst nach Belegen für weit über zehntausend erfolgreich getragene
Prismenbrillen. Dabei hatte bereits im Jahre 1980 Günthert eine statistische Übersicht
seiner eigenen über acht Jahre erfolgten 8000 Prismenkorrektionen vorgelegt (NOJ
Heft 12/1980). Bei einer Hochrechnung bis heute kommt man schnell auf eine sehr
viel größere als die geforderte Anzahl von Prismenbrillenkorrektionen, denn allein in der
Internationalen Vereinigung für Binokulare Vollkorrektion (IVBV) sind etwa 700
Mitglieder eingeschrieben, von denen mindestens 30% sehr rege in der
Prismenkorrektion von Winkelfehlsichtigkeit tätig sind Schon
in der ersten Arbeit von Kommerell wurden vom wissenschaftlichen Beirat der IVBV
fehlerhafte Angaben festgestellt. Er hat dies in einer Nachveröffentlichung
einräumen müssen und korrigiert, jedoch ohne seine Interpretation der
Ergebnisse neu zu bewerten, die entgegengesetzt zur Interpretation der IVBV
waren. Anwender dieser Messmethodik (MKH) interpretieren durchaus
nachvollziehbar das Ergebnis
seiner Experimente als Bestätigung der Theorie zur Winkelfehlsichtigkeit. Äußerst
seltsam ist bei einer derart geringen Anzahl von eigenen Versuchspersonen die Bemerkung
von Kommerell zu einer fremden Arbeit, die Aussagen zur positiven Wirkung von
Prismenbrillen enthielt, dass hierbei eine Anzahl von vier Versuchspersonen zu
klein sei, als dass allgemeine Schlüsse gezogen werden dürften. Von
einer Widerlegung der Theorie zur Korrektion von Winkelfehlsichtigkeit mit einer
nur einstelligen Versuchspersonenzahl kann demnach überhaupt nicht die Rede sein.
Befremdlich ist auch, dass von Kommerell weder ausschließlich mit der
vorgeschriebenen MKH-Methodik und noch nicht einmal mit den Originaltesten zu
Bestimmung von Winkelfehlsichtigkeit gearbeitet wurde. Es
ist nicht jedem Leser bekannt, dass Winkelfehlsichtigkeit überhaupt kein
augenmedizinischer Begriff ist oder sein kann, sondern ein rein augenoptischer,
ähnlich wie andere Sehfehler: Kurzsichtigkeit oder Weitsichtigkeit u. a. Eine zusätzliche
so genannte schulmedizinische Anerkennung ist daher fachlich überflüssig sowie
auch gar nicht möglich, da Augenärzte weder im Studium noch in der
Facharztausbildung in der Mess- und Korrektionsmethodik nach H. - J. Haase
ausgebildet werden. Die augenoptischen Hochschulen im gesamten deutschsprachigen
Europa hingegen lehren die MKH als wissenschaftlich anerkannte Methodik schon
seit Jahrzehnten. Einige
Kritiker der Winkelfehlsichtigkeitskorrektion führen gerne die angeblich
bislang einzige Doppelblindstudie auf (von Simonsz et al.), die nach MKH (Mess-
und Korrektionsmethodik nach H. - J. Haase) bestimmte Prismenbrillen in ihrer
Wirkung mit herkömmlichen prismenlosen Brillen verglichen hatte. Dabei wurde
angeblich kein Unterschied und kein Vorteil zugunsten der nach MKH bestimmten
Prismenbrillen festgestellt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit (oder halbe
Lüge?),
denn zu dieser Studie können folgende Hintergrundinformationen einen doch recht
bitteren Beigeschmack erzeugen: Die
offizielle Freigabe dieser Studie von Seiten der verantwortlichen Statistiker
gibt es bis heute nicht, d.h. rein wissenschaftlich ist sie nicht existent,
nicht zitierbar und schon gar nicht weitreichend interpretierbar. Diese Freigabe
wird, wohl wegen eklatanter Verstöße gegen statistische Grundregeln, auch
nicht mehr geschehen. Bei der Planung dieser Arbeit war man nämlich davon
ausgegangen, entsprechend den tatsächlichen Gepflogenheiten in den Niederlanden
(und auch in Deutschland), die Wirkung von Prismenbrillen (vom Augenoptiker
bestimmt) mit der Wirkung von normalen prismenlosen Brillen (von Sehschulen
bestimmt) auf Sehstörungen und Sehfehlerbedingte Anstrengungsbeschwerden (u. a.
Kopfschmerzen) zu vergleichen. Tatsächlich wurden praktisch in keiner Sehschule
bis dato Prismenbrillen bei derartigen Beschwerden verordnet, während
Prismenbrillen von Augenoptikern durchaus üblich waren. Bereits während des
laufenden Versuches gab es seltsame wohl gesteuerte Verfälschungen seitens der
Sehschulen. Tatsächlich hatten plötzlich an der Studie beteiligte Sehschulen
ihre Gewohnheit um 100% geändert und Prismenbrillen verordnet. Der Versuch
wurde aber trotz dieser gravierenden Veränderungen nicht abgebrochen,
sondern nur der Titel geändert! Einer der beteiligten
Autoren dieser Studie hat später nachgefragt, welche Brillen die
Versuchspersonen nach Abschluss der Versuche tatsächlich gerne und erfolgreich
weiter tragen. Die überwiegende Mehrheit gab dabei die Prismenbrille vom
Augenoptiker an. Eine
Aussage für oder wider die Prismenbrille nach MKH ist demnach aus dieser so
genannten Doppelblindstudie in keiner Weise „wissenschaftlich“ zulässig,
und eine noch weitergehende Interpretation aus dieser Arbeit auf einen daher
wahrscheinlichen Placebo-Effekt des Erfolges der Prismenbrillen, wie ihn
Kommerell gerne anbietet, ist weder nachvollziehbar noch glaubhaft. Er erscheint
lediglich grotesk und lässt andere, als nur fachliche, Beweggründe vermuten. Letztlich
bestätigt diese seltsame Studiendurchführung sehr deutlich doch nur den
enormen Erfolg, den Prismenbrillen bei Winkelfehlsichtigkeit haben, dass sogar
die primäre Studienhypothese geändert werden musste, um vergeblich zu
versuchen, diese Korrektionsmethodik aus Konkurrenzgründen unlauter zu bekämpfen?
Leider
wird auch weiterhin die seit hundert Jahren bestehende unrühmliche Konkurrenz
um die Brillenglasbestimmung zwischen der Augenoptik und den Augenärzten einem
geregeltem Umgang mit der Prismenbrille im Wege stehen. Geregelt soll bedeuten,
dass Augenärzte nicht verteufeln, wenn Winkelfehlsichtige erfolgreich eine
Prismenbrille tragen wollen und nicht von unnötigen Augenmuskeloperationen
reden, wenn Patienten ihre erfolgreich korrigierte Winkelfehlsichtigkeit auf
diese Weise behoben haben möchten. Anderseits
mögen sich Augenoptiker davor hüten, Kritik laut werden zu lassen, wenn Augenärzte
zwar komplikationsarme Augenmuskeloperationen verdammen, auf der anderen Seite
jedoch mit immer aufwändigerem Werbeetat fast jede Kurzsichtigkeit operieren
wollen (und dies mit einer extrem hohen Komplikationsrate, die nicht einmal bei
kosmetischen Operationen tolerabel ist). Kommerell
hält den Pädagogen, die den Erfolg von Prismenbrillen bei
Winkelfehlsichtigkeit beobachten, entgegen, sie seien subjektiv in ihren
Bewertungen vom Erfolg getragener Prismenbrillen fehlgeleitet. Das ist eine Ohrfeige
und Beleidigung angesichts der fast regelmäßig bei jeder
Prismenbrillenkorrektion von Winkelfehlsichtigkeit zu beobachtenden positiven
Veränderungen. Augenärzte verhöhnen Ergotherapeuten als nicht kompetent in
der Beschreibung der Wirksamkeit einer Prismenbrille auf die Grob- und
Feinmotorik und werden von ihrer berufspolitischen Interessengemeinschaft dazu
auch noch animiert. Kinderärzte werden von berufspolitisch agierenden Augenärzten
dazu verpflichtet, keinerlei Prismenbrilleneinsatz bei von Kopfschmerz geplagten
Kindern zu befürworten, ansonsten würden sie ihr Vorrecht auf
Vorsorgeuntersuchungen zur Sehentwicklung der Kinder aufs Spiel setzen. Die
Mess- und Korrektionsmethodik nach H. - J. Haase gibt es seit etwa 50 Jahren. Ihre
Erfolge bei inzwischen vielen Zehntausenden von winkelfehlsichtigen Kindern
werden bestätigt durch die immer kritisch begleitenden Eltern, durch die vorher
verzweifelnden Ergotherapeuten, Lehrer, Kinderärzte, Schulpsychologen u. a.
Inzwischen sind einige Selbsthilfegruppen tätig und versuchen erfolgreich
zumindest Einiges an gesteuerter augenärztlicher und rein berufspolitisch
motivierter Verunsicherung zu korrigieren. Erst wenn es diese Elterninitiativen
nicht mehr geben muss, sind wir weiter in dem was der Autor dieses Leserbriefes
unter wirklicher Zusammenarbeit von Augenarzt
und Augenoptiker versteht. |