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Aus der Zeitschrift für Legasthenie (BVL 1/2003 und 1/2004)

In der "Zeitschrift für Legasthenie (vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie) erschien ein Artikel von Kommerell (Universität Freiburg, Schielabteilung). Dort wurde unter dem Titel "Was können Prismen in der Brille bewirken?" einiges zur Winkelfehlsichtigkeit und zu Prismenbrillen geschrieben. 

Leider ist es nicht möglich, an dieser Stelle den Originalbeitrag zu veröffentlichen. Aber er kann nachgelesen werden (unter Kommerell BVL). Da der nachfolgende Leserbrief jedoch auch ohne genaue Kenntnis der Originalarbeit verständlich ist, soll er nachstehend etwas modifiziert an dieser Stelle veröffentlicht werden, denn es wird sehr deutlich herausgestellt, was Kommerell dankenswerterweise und unstrittig herausgefunden hat:

 

Entgegen Verleumdungskampagnen von einigen Augenärzten führt die Korrektion mit einer Prismenbrille nie zu irreversiblem Schaden oder zwangsläufig zur Augenmuskeloperation.

 

Leserbrief zum Beitrag „Was können Prismen in der Brille bewirken?" von G. Kommerell

(in BVL 1/2003)

In diesem Betrag über die Wirkung von Prismenbrillen erwartet der Leser auch genauere Informationen darüber zu finden, die den eigentlichen Sinn einer Prismenbrille betreffen. Leider fehlen entsprechende Angaben. Deshalb kann hier ergänzt werden, dass in den letzten vierzig Jahren weit über zehntausend Kinder und Jugendliche nur durch das Tragen einer Prismenbrille von Kopfschmerzen befreit wurden und ein Vielfaches dieser Zahl von Kindern durch eine Prismenbrille erhebliche Verbesserungen der Lese- und Schreibfähigkeit erfahren hat.

Kommerell beschreibt in seinem Beitrag zutreffend, dass Prismengläser in der Augenheilkunde bei Doppelbildern benutzt werden, die durch Augenmuskellähmungen, also krankhafte Prozesse, verursacht sind.

Über die augenärztliche Anwendung von Prismengläsern bei nicht sichtbaren (latenten) Schielfehlern und Winkelfehlsichtigkeiten schreibt Kommerell, dass sich hier die Augenärzte schwer tun, denn „...die Anwendung von Prismengläsern ist problematisch...".

Beide Aussagen sind durchaus richtig, obgleich Leser der Zeitschrift Legasthenie etwas verwundert gewesen sein dürften, da nicht ohne weitere Informationen nachvollziehbar ist, warum Augenärzte meist erhebliche Schwierigkeiten in der Anwendung von Prismengläsern haben. Der Grund liegt einfach darin, dass die Korrektionen von latenten Schielfehlern und Winkelfehlsichtigkeiten schon immer, ähnlich der normalen Brillenglasbestimmung, rein augenoptische und nie ärztliche Tätigkeiten gewesen sind (auch wenn Berufspolitik und Konkurrenzgedanken andere Definitionen scheinbar erforderlich machen).

Kommerell beschreibt, dass sehr viele Augenpaare (etwa 75%) eigentlich anatomisch nicht exakt ausgerichtet stehen, also schielen, d.h. in einem Winkel zueinander stehen würden. Sie tun dies jedoch nicht, sondern sind nur deshalb genau auf ein Blickziel ausgerichtet, weil das Gehirn ständig aktiv nachreguliert („eicht").

Bei diesen Menschen mit Winkelfehlsichtigkeit wird man also nie ein Schielen sehen können und sie werden praktisch nie Doppelbilder haben. Und daher werden derartige latente Fehler von Augenärzten, die nur bei bestehenden Doppelbildern benötigte Prismenstärken feststellen können, nicht gefunden und können deshalb von ihnen auch nicht korrigiert oder auch nur bewertet werden. Und dies auch dann, wenn von einer Winkelfehlsichtigkeit erhebliche Beschwerden, wie Kopfschmerzen oder Lese- und Rechtschreibstörungen ausgehen.

Hier ist demnach der Augenoptiker, der die Prismenkorrektion jahrelang in einem speziellem Studium erlernt hat, der richtige Anlaufpunkt. Der Augenarzt hat dennoch seine wichtige Aufgabe. Er wird vor jeder augenoptischen Prismenkorrektion krankhafte Ursachen (Organbefunde) ausschließen und erst danach im Sinne seiner umfassenden ethischen Pflichten die versuchsweise augenoptische Prismenkorrektion empfehlen (und womöglich aus einer durchaus wünschenswerten kritischen Distanz den Erfolg oder Nichterfolg eine Prismenkorrektion beobachten wollen).

Kommerell stellt dann durchaus nachvollziehbar dar, dass selbst beim Tragen von vorsätzlich falschen Prismenbrillen die Selbstregulation („Eichung") des Augenpaares auch hier unter Anstrengung kompensieren kann.

Aber was noch viel wichtiger und bemerkenswert ist, Kommerell bestätigt ausdrücklich, dass nach Absetzen solcher falschen Prismenbrille die hierdurch verursachte massive Störung wieder voll reversibel ist. Demnach ist es ausgeschlossen, dass durch eine Prismenbrille, sogar, wenn sie, wie von Kommerell probiert, völlig unsinnig und falsch ist, ein irreversibler Schaden eintreten kann. Damit steht er in vollem Einklang mit der wissenschaftlichen und praktischen Augenoptik, die seit Jahrzehnten immer wieder darauf hin weist, dass eine Prismenbrille zu keiner irreversiblen Veränderung anatomischer und sensomotorischer Verhältnisse führen kann. Es erfolgt mit einer richtigen Prismenbrille lediglich eine gewollte Verringerung des Aufwandes an aktiver und damit anstrengender Selbstregulation bestehender Winkelfehlsichtigkeiten und damit eventuell zu einer Verminderung bestehender Beschwerden und Sehstörungen.

 

Kommerell schreibt auch, dass sich die beschriebenen Regulierungsmechanismen nicht so schnell umstellen, sondern einige Zeit benötigen, sich an Veränderungen anzupassen. Es gibt keine spontane Anpassung, sondern „...allmählich passt sich das Gehirn des Augenpaares an".

Somit ist es auch unmöglich, nur durch einen kurzen Trageversuch herauszubekommen, ob mit oder ohne Prismenbrille zum Beispiel Kopfschmerzen verringert oder die Leistungen beim Lesen und Schreiben verbessert werden können. Dies wird dem Leser durchaus einleuchten. Nicht verstehen wird er, warum Kommerell dennoch einige Zeilen später fordert, vor Prismenabgabe zu prüfen, ob die Verbesserung „...prompt als angenehm" empfunden wird. Das erscheint widersprüchlich, denn Kommerell fordert doch eigentlich geradezu auf, wegen der allmählichen Veränderungsmöglichkeit der Selbstregulierung von Winkelfehlsichtigkeiten, eine Prismenbrille versuchsweise über eine längere Zeit (empfohlen werden von den augenoptischen Fachleuten möglichst 3 bis 6 Monate) zu tragen. Erst danach wird es möglich sein, über den Erfolg oder Nichterfolg einer Prismenkorrektion zu entscheiden.

Generell wird sich nach einem solchen fachlich korrekten Prismentrageversuch nur eine der folgenden Möglichkeiten ergeben können (hier am Beispiel von Kopfschmerzen und Problemen beim Lesen und Schreiben aufgeführt):

a) Es wird keine Veränderung der bestehenden Kopfschmerzen oder der Lese- und Rechtschreibprobleme beobachtet.

b) Es wird eine Verschlechterung beider Probleme beobachtet.

c) Es wird eine Verringerung der Kopfschmerzen und/oder eine Verbesserung der Lesefähigkeit und der Schreibqualität beobachtet.

In Möglichkeit a) wird nach der Versuchszeit oder im Fall b) sogar schon eher die Prismenbrille wieder abgesetzt, denn sie hatte nicht geholfen. Dies geschieht bei etwa 20 von 100 korrigierten Winkelfehlsichtigkeiten. Es werden dann die alten Regulationsmechanismen (Eichung) wieder eintreten, so wie sie vorher bestanden haben.

Selbst auftretende Doppelbilder nach Absetzen der Prismenbrille können innerhalb von wenigen Tagen, wie es Kommerell gut beschreibt, wieder behoben werden und der alte Zustand ist wiederhergestellt.

Demnach können durch Prismen, egal wie dick die Gläser gewesen sind, überhaupt keine nachhaltig schädliche Auswirkungen oder gar irreversibler Schäden entstehen. Dem bekannten und von Augenärzten leider noch oft verbreiteten und angstverursachenden Märchen vom angeblichen Hineintreiben durch Prismenbrillen in eine Augenmuskeloperation hat Kommerell damit deutlich widersprochen und es ad absurdum geführt.

Die Möglichkeit c), die in etwa 80 von 100 durchgeführten Prismenkorrektionen eintritt, wird dazu führen, dass sich die Eltern der betroffenen Kinder nun entscheiden werden, ob die Verbesserungen Grund genug sind, die Prismenkorrektion weiterzuführen, oder ob der alte Zustand ohne Prismenbrille und mit Kopfschmerzen und Lese- und Schreibproblemen besser für das Kind ist.

Wenn sich dann im Laufe der oft einige Jahre andauernden Prismenkorrektion zeigt, dass ihr Kind zu den etwa 3-5% gehören, bei dem zur optimalen Korrektion der Winkelfehlsichtigkeit sehr dicke Gläser notwendig sind, dann haben sie auch jetzt noch die Möglichkeit, zu wählen, ob eine sehr komplikationsarme Augenmuskeloperation oder Abbruch der Prismenkorrektion gewünscht wird.

Es gibt die Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase seit etwa 50 Jahren und ihre Erfolge bei inzwischen vielen Zehntausenden von winkelfehlsichtigen Kindern werden bestätigt durch die immer kritisch begleitenden Eltern oder durch die vorher verzweifelnden Ergotherapeuten, Lehrer, Kinderärzte, Schulpsychologen u.a.

Aber auch in den 20% Fällen, bei denen die Prismenbrille nicht geholfen hatte, hat sie weniger geschadet als jede Röntgenaufnahme oder jede Kopfschmerztablette. Es wäre ein Verdienst von Kommerell, wenn es ihm mit seinem Bericht gelungen wäre, diesen Umstand nicht nur den Lesern dieser Zeitschrift, sondern auch seinen Augenarztkollegen verdeutlicht zu haben.

Dr. med. Uwe Wulff, Augenarzt, Berlin

(Dieser Leserbrief wurde erst im Heft BVL 1/2004, also 12 Monate später veröffentlicht.)