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Winkelfehlsichtigkeit und Augentraining oder Sehtraining  

(auch bezeichnet als Verhaltensoptometrie, Visualtraining, Funktionaloptometrie)

Die noch heute unverändert gültige Beschreibung über den den Sinn solcher Trainingsmethoden ist viele Jahrzehnte alt (stammt von dem Augenarzt Lancaster):

"Visualtraining bietet einen goldenen Vorteil für Scharlatane oder

ehrenwerte, aber unausgebildete Spezialisten." 

Visualtraining will sich beschäftigen mit Sehstörungen, die bei gesunden Augen aufgrund eines gestörten Sehverhaltens oder einer fehlerhaften Sehentwicklung auftreten und zu Problemen der visuellen Wahrnehmung führen. Sie wird in Deutschland meist von Optikern/Optometristen durchgeführt. Sie unterliegt keiner wissenschaftlichen Qualitätskontrolle. 

Wissenschaftliche Augenoptik und Augenheilkunde lehnen die meisten dieser Trainingsmethoden als unsinnig  oder gar als gefährlich ab (Scharlatanerie). Letztes gilt vor allem, wenn solche Therapien auch bei Schielern durchgeführt werden.

Nachstehend zwei Beispiele für "schöne" Begründungen von Visualtherapeuten, die etwas über deren Fachkompetenz  ahnen lassen:

"Ein spezielles Sehproblem ist nur Teil des Gesamtsystems, deshalb muss immer der Mensch als Ganzes im Mittelpunkt der Betrachtung stehen"

"Je mehr und je schneller sich unsere Lebensweise von der unserer Vorfahren, also von der Kontinuität unserer Entwicklungsgeschichte, entfernt, umso weniger wird unsere Wahrnehmung in der gewohnten Weise fehlerfrei funktionieren."

Beide Sätze sind keine Satire, sondern Zitate aus Werbeseiten von Visualtherapeuten. Diese Behauptungen sind so flach, dass eine angemessene Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von scheinbar seriösen Visualtrainern nicht möglich ist. Der Wahrheitsgehalt dieser beiden Sätze lässt sich vergleichen mit dem Ergebnis einer Studie: "Die Anzahl von Verkehrschildern steht im direkten Zusammenhang zu dem durchschnittlichen Übergewicht der Autofahrer". 

Es werden im Bereich des Visualtrainings verschiedenste Schätzungen, Messungen und Beobachtungen isoliert betrachteter Sehfunktionen aufgelistet und daraus pseudo-wissenschaftliche Interpretationen abgeleitet. Es wird - wohl nicht so ganz aus der Luft gegriffen - den in dieser Tätigkeit ausgiebig arbeitenden Nordamerikanern nachgesagt, dass sie solange messen, bis etwas Passendes gefunden wurde. Nach der eigentlichen Ursache solcher Störungen wird dann meist nicht gefahndet und sie würde mangels Möglichkeit oder Ausbildungsstand auch nicht angegangen. Diese unsinnige Arbeitsweise verführt zu oft dazu, fachlich nicht nachvollziehbare Trainingsmethoden zu empfehlen und dabei eigentlich ursächliche Grundprobleme zu übersehen. Einige Visualtrainer sind so vermessen oder überheblich, sich in laufende Korrektionen von Sehfehlern oder medizinische Behandlungen von Augenkrankheiten einzumischen.

Es geht hier nicht darum, alle Trainingsmethoden einzelner Sehqualitäten oder Sehgewohnheiten oder alle Visualtherapeuten oder Funktionaloptometristen zu kritisieren oder gar abzuwerten. Aber wenn es eine sinnvolle Visualtherapie gibt, dann muss deren Durchführung klaren wissenschaftlichen Grundsätzen entsprechen, um sie deutlich von Scharlatanerie abzugrenzen. Und davon sind wir in Deutschland, der Schweiz und in Österreich sehr weit entfernt.

Ein Muss vor Durchführung jedes "Sehtrainings"

  • Genaue, nachvollziehbare und schriftlich mitgeteilte Diagnose bzw. Bewertung.
  • Vorherige Brillenglaskorrektion aller Sehfehler, möglichst einschließlich des beidäugigen Sehens (Winkelfehlsichtigkeit). Dies möglichst von einem unabhängigen zweiten Fachmann (zweite Meinung!).
  • Vorher Herstellen von stabilen Korrektionswerte bei bestehender Winkelfehlsichtigkeit, d.h. Prismenstärke für einige Monate stabil unter ständigem Tragen der voll korrigierenden Brille.
  • Schriftlicher Trainingsplan mit Ziel, Dauer und Methodenbeschreibung! 

Diese Anforderungen sollten selbstverständlich auch für alle anderen denkbaren Sehtrainingsmethoden gelten(Lese- und Rechtschreib-, Rechen- und Blicktraining, Farbfoliensehhilfen u. andere).

Bei sichtbarem Schielen darf ein Sehtraining nur unter augenärztlicher Mitarbeit oder Aufsicht erfolgen. Beim Schielen kann es durch einige Trainingsmethoden sogar zu irreversiblem Doppelsehen kommen, die dann als Straftat gelten.

Die deutsprachigen ärztlich geleiteten Sehschulen haben es wegen nachgewiesener Unwirksamkeit schon vor weit über 20 Jahren aufgegeben, Schielen und Störungen des beidäugigen Sehens durch Augenmuskel- oder Sehtraining oder Funktionstraining bessern zu wollen. Nur den Namen Sehschule haben sie (leider) noch behalten, obwohl er nicht mehr zutrifft, denn in der Sehschule wird nicht geschult, sondern Augen zugeklebt.

H.-J. Haase, der Entwickler der Korrektion von Fehlern des beidäugigen Sehens, bewertete bereits im Jahre 1979 derartige Trainingsmethoden in einem Nebensatz treffend so:

..."und das nach MORGAN (USA) incl. der neuerdings mit viel Propagandaaufwand in Europa proklamierten OEP (Optometric Extension Program) und seiner schaumschlägerisch-undurchsichtigen "Philosophie" um die Sehfunktionen..." 

 

Ein erster Nachsatz

Wer glaubt, dass Beschwerden von ungleich langen Beinen durch ein Gehtraining vermindert werden können, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Es gibt Sinnvolleres gegen diese Beschwerden, nämlich richtig angepasste Einlagen oder entsprechend gefertigte Schuhe.

Wenn Sie gezielt zur Messung und Korrektion von Winkelfehlsichtigkeit zu einem Augenoptiker gehen oder überwiesen werden und dieser dann nicht Ihren Wünschen entspricht, sondern  Augentraining anbietet, dann wäre das etwa so, als wenn Ihnen der Orthopädiemeister statt korrigierender orthopädischer Einlagen den Besuch seines Fitnessstudios empfiehlt. Das sollte Sie veranlassen, das Weite zu suchen (ohne Einlagen).

 

Ein zweiter Nachsatz für die Kurzsichtigen, die ihren Sehfehler wegtrainieren möchten.

(Zitat aus einem Mitteilungsblatt des Augenarztes Dr. med. R. Gutzeit aus dem Jahre 1928)

"Eine nicht ganz kleine Gruppe von eigentlich Brillenbedürftigen ist in der Anschauung befangen, daß die Brille das Auge angreife. Sie behaupten, daß sie ohne Brille gar nichts mehr sehen, wenn sie sich an das Brilletragen gewöhnt haben. Diese Äußerung zeugt vom Fehlen jedes Verständnisses für die Sachlage. Es ist nämlich genau umgekehrt: der Träger einer passenden Sehhilfe merkt erst jetzt den gewaltigen Unterschied gegen früher, als er noch kein Glas trug. Statt, daß ihm nun zum Bewußtsein kommt, wie schlecht er vordem ohne Sehhilfe sah, glaubt er fälschlich, daß das Auge - durch die Brille verwöhnt - unbewaffnet schlechter sehen als vordem. Das ist doch nur eine arge Kritiklosigkeit, welche die Wirklichkeit geradezu auf den Kopf stellt.

Bei den Kurzsichtigen müssen wir noch gegen die alte Auffassung kämpfen, daß die Kurzsichtigkeit, weil durch die korrigierenden Gläser die Augen gezwungen werden, für die Nähe zu akkommodieren, gesteigert werde. Das ist sicher unrichtig... Die andauernde Konvergenz auf einen Nahpunkt von weniger als 20 Zentimeter kann viel eher zu einer Dehnung des nachgiebigen hinteren Augenpols und damit zu einer Steigerung der Kurzsichtigkeit führen, als die Anspannung des Ziliarmuskels bei der Naheinstellung."

Dieser Standpunkt ist auch im Jahre 2009 richtig. Ob unseriöse Trainings-Angebote (zum Beispiel zur dauerhaften Behebung von Kurzsichtigkeit) auch Rückschlüsse zulassen auf die Qualität  übriger fachlicher Leistungen, wird jeder Betroffene selbst beurteilen können.